Mit Julia „Brügge sehen…und sterben?“

Nein, Fotos machen natürlich! Eben mit Julia. Zugegeben, die Handlung im gleichnamigen Kinofilm ist verhältnismäßig grausam. Die Auftragskiller Ray und Ken (Colin Farrell, Brendon Gleeson) machen im Auftrag ihres Bosses Harry (Ralph Fiennes) Urlaub in Brügge. Ray ist davon so gar nicht begeistert. „Was soll ich bloß in diesem verschissenen Brügge?!“. Es war ihm wohl zu beschaulich. Oder vielmehr langweilig. Dabei meinte es Harry doch nur gut ihm ihm. Sozusagen. Dass diese Stadt das Letzte sei, was Ray zu Gesicht bekommen sollte, ahnte er noch nicht. Denn Ken hatte zugleich die Aufgabe, seinem Leben in Brügge ein Ende zu setzen. Weil er (versehentlich) bei einem Auftrag auch ein Kind tötete.

Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Der Streifen lohnt sich nämlich angeschaut zu werden. Nicht nur wegen der Geschichte, sondern vor allem wegen der Bilder. Bilder, die mich überzeugten, mir die Stadt einmal anzuschauen. Ich traf also recht zeitnah die Entscheidung, Brügge zu besuchen. Und nun war ich ja mittlerweile in Düsseldorf angekommen. Gegenüber Dresden quasi nur ein Katzensprung. Und so suchte ich mir alsbald ein geeignetes Wochenende heraus. Eines, an dem Tanzpartnerin Elise selbst irgendwo in der Weltgeschichte herumtourt. Und ich machte eine Ausschreibung. Neben der Stadt könnte ich schließlich auch noch ein Portraitshooting mit einer netten jungen Dame veranstalten. Und Julia war es, die sich recht bald meldete.

Sie blieb leider die Einzige. Bald sollte ich aber feststellen, dass das überhaupt nicht schlimm war. Im Gegenteil! Julia machte sich zwar selbst erst Sorgen darum, dass ich einfach so auf Verdacht mit ihr einen Ort besuche, der drei Stunden entfernt ist, ohne zu wissen, ob die Fotos dazu gut würden. Aber ich sagte mir (und ihr auch), dass ich in erster Linie einen schönen Tag haben mochte. Also nahmen wir die Fahrt in Angriff.

Da ihr Wohnort Kaarst praktisch auf dem Weg lag, einigten wir uns darauf, sie an einer dort nahegelegenen Autobahnabfahrt einzusammeln. Das Wetter war zwar trocken, aber noch ziemlich trüb. Laut Bericht sollte das besser werden, aber so ganz sicher waren Julia und ich uns da nicht. Die ersten Kilometer über die A52 waren unkompliziert. Wir unterhielten uns hauptsächlich über die Arbeit. Das dürfte daher kommen, dass Julia mich zwar über den Tanzsport entdeckt hat, sich aber im Nachhinein herausstellte, dass wir demselben Beruf nachgehen und das auch noch in derselben Firma. Es sollte nicht der einzige Zufall bleiben, der uns verbindet.

Weiter ging es dann erstmal in den Niederlanden. Kurz hinter der Grenze verloren wir ein wenig die Orientierung. Ich selbst hatte im Ausland kein mobiles Internet mehr bzw. sehr begrenztes. Und für nur einen Tag lohnte sich natürlich keine Zusatzoption. Das i-Pad von Julias Freund sah das jedoch nicht so eng und zeigte uns bald einen geeigneten Weg. Von einem Nest bei Roermond ging es zuerst nach Venlo, vorbei an Eindhoven bis nach Antwerpen. Von dort fiel die Entscheidung zwischen der belgischen A14 über Gent oder die A11 übers Land. Es wurde das Land. Es gab also viele Pferde und Kühe zu sehen. Viel von Belgien selbst. Und ganz langsam sollte sich die Wolkendecke lichten.

Kurz vor Brügge, bei Damme, kamen wir an einigen Wasserkanälen vorbei. Ein paar davon waren parallel angelegt und mit Baumreihen bepflanzt. Bäume, die bei ihrer enormen Größe (geschätzte 30 m) vor mindestens 100 Jahren gepflanzt worden sein müssen. Und ich habe mich direkt in diese Anlagen verliebt. Sobald es das Wetter wieder zulässt, möchte ich unbedingt noch einmal dorthin. Ich habe auch schon grobe Vorstellungen, wie die Fotos dazu einmal aussehen sollen. Unterm Strich jedenfalls war es super, dass das Navi Julia und mir diese Strecke vorgeschlagen hatte.

Es führte uns damit auch an einer Oldtimer-Rallye und Dammes Altstadt vorbei. Beeindruckt war ich von dieser Ursprünglichkeit, die die Umgebung ausstrahlte. Inzwischen wurde die Sonne immer mutiger und als wir schließlich nach Brügge reinfuhren, wussten wir, dass das ein guter Tag wird. Begonnen mit dem Glück, einen altstadtnahen Parkplatz zu finden, der keine Gebühren verlangte. Wir griffen uns unser Zeug und machten uns auf den Weg bzw. auf die Suche nach Kaffee. Derweil schaute ich mich bereits nach möglichen Kulissen um. Praktisch am Auto entlang lief ein kleiner Kanal, der Speelmansrei, den ich für später als Kulisse für Julia im Hinterkopf behielt.

Die Vlamingstraat, auf der wir uns gerade befanden, führte direkt zum Großen Markt im Zentrum. Einem der Hauptschauplätze. Der war natürlich gut gefüllt. Ob nun erst seit dem Film oder schon früher, Brügge ist ein Touristenmagnet. Im Grunde ist dieser Ort eine einzige malerische Altstadt. Wenig später wurden wir in der Wollestraat fündig. Durch einen kleinen Durchgang wurde Julia auf ein hübsches kleines Café aufmerksam, das unmittelbar an einem Kanalausläufer lag. Nur ein paar Treppen hinab. Doch bevor wir dazu kamen, sprach uns ein Souvenirverkäufer an und tat sich anschließend schwer damit, insbesondere mich wieder aus dem Gespräch zu entlassen. Nicht, bevor er einen Abschluss zustande gebracht hätte. Er wollte mir offenbar ein Portraitfoto im Rahmen meines Lieblingsfußballvereins aufschwatzen, wusste aber natürlich nicht, dass mir klar war, was ich von ihm zu erwarten hätte und das definitiv meinen Ansprüchen nicht genügte. Davon ab habe ich mit Fußball ohnehin nicht so sehr viel am Hut.

Kaffee bestellt, haben wir uns derweil über die Arbeit und die Kollegen unterhalten. Julia telefonierte dann noch kurz mit ihrem Freund, damit der wusste, dass wir gut angekommen waren. Nach vielleicht einer halben Stunde ging es dann schließlich weiter. Die nächste Station war der Dijver, an dem wir auch die ersten Bilder schossen. Wir bemerkten dabei schnell, wie vergleichsweise unrealistisch der Kinofilm aus Sicht eines Einheimischen gewirkt haben muss. Ray und Ken zu zweit in einem Boot zur Kanalrundfahrt? Nun, das Bild, das sich uns bot, zeigte uns etwas anderes. Jeder Zentimeter in den Gefährten wollte ausgenutzt werden. Es erschien doch recht kuschelig.

Die Tour lief weiter über die Mariastraat rüber zum Zonnekemeers, wo wir an einem kleinen Kunstmuseum einen Fotostop einlegten. Weiter über die Oostmeers und den Zilverpand gelangten wir zur Wulfhagestraat. Während wir wieder einige Bilder schossen, beobachten wir nebenbei eine vierköpfige Gruppe, wie sie versuchte, ein gemeinsames Selfie zu schießen. Irgendwann sprachen sie mich auf Englisch an, ob ich das evtl. übernehmen könnte. Julia und ich hatten aber längst gehört, dass es sich um Landsleute handelte. Das erleichterte die Kommunikation natürlich. Über die fertigen Bilder freuten sich die Vier sehr und so fragte ich, woher sie denn seien. Essen war die Antwort und so ließ ich ihnen kurzerhand eine Karte da.

Ohne es zu wissen, waren wir schon wieder am Speelmansrei, bewegten uns jedoch in die andere Richtung am Kanal entlang. Wieder mit der Kamera bewaffnet, setzte ich Julia ans Geländer und versuchte aus diversen Verrenkungen des Kamerasutra heraus bestechende Portraits zu machen. Kurz danach kamen wir auf einen größeren Platz, an dessen Rand sich einige Cafés und Restaurants reihten. Mittlerweile waren schon wieder einige Stunden vergangen und wir wollten die Gelegenheit nutzen, etwas zu essen. Ein kleines unauffälliges Lokal überzeugte mit einem guten Angebot. Viel los war dort nicht. Generell, wie so oft, war es etwas ab vom Zentrum auch etwas günstiger. Wir ließen es uns schmecken und selbst da konnte ich natürlich nicht an mich halten. Mittlerweile stand die Sonne sehr tief. Eigentlich hatte ich gehofft, die Baumreihen noch an diesem Tag mitzunehmen, aber das erschien nun mehr als unwahrscheinlich.

Zur Tür raus, bewegten wir uns tendenziell wieder zum Dijver und erreichten dabei eine kleine Parkanlage. Dort streunte eine kleine Katze herum, die nicht wirklich scheu zu sein schien. Dunkelgrau, weiß und orange. Sie erinnerte mich sehr an meine Peaches, die ich in Dresden lassen musste. Einmal kurz kennengelernt, ließ ich sie wieder ziehen. Denn ich hatte für Julia schon wieder neue Hintergründe ausgemacht. Teile des „Level 0“ und ganz besonders ein kleiner, von Bäumchen gesäumter Weg, der ein ganz wundervolles Licht zuließ. Und spätestens jetzt hatte mich Julia ganz geflasht. Nicht nur der Tag war schön…die Foto waren es definitiv auch.

Stück für Stück näherten wir uns danach wieder dem Großen Markt. Unterwegs lud Julia mich auf eine heiße Schokolade ein, die für die erhaltene Größe nicht günstig, aber immerhin sehr lecker war. Nach vielleicht einer viertel Stunde waren wir wieder am Auto. Aber nicht, um zu fahren, sondern um noch die letzten Bilder am oberen Ende der Speelmansrei zu machen. Hinter einer Bauplane schlüpfte Julia noch einmal fix in andere Klamotten und auf ging’s. Wir brauchten bestimmt noch einmal eine halbe bis ganze Stunde, um noch so einige romantischere Bilder zu schießen. Einen großen Weg machten wir dabei nicht, doch als wir schließlich wieder zum Auto zurückkamen, war es inzwischen ganz dunkel geworden.

Einigermaßen müde und noch drei Stunden Fahrt vor uns, brachen wir endgültig nach Hause auf. Mit reichlich Bildern im Gepäck, führte die Strecke dieses Mal über Gent. Ab Venlo nahmen wir diesmal die A61 und kamen bei Mönchengladbach wieder auf die 52. Ein kurzer, aber eigentlich überflüssiger Tankstop musste es kurz vor Kaarst noch sein, bevor ich Julia gegen 23 Uhr wieder wohl behalten und in einem Stück bei ihrem Freund ablieferte. Von dort aus waren es auch für mich nur noch rund 10-15 Minuten. Trotzdem zu spät, um sich groß über die Bilder herzumachen. Das Bett rief auch mich. Aber das holte ich am Folgetag natürlich nach.

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