Beautiful Gorbitz – Mit Juli unterwegs in der Platte

Da wird das Mädel doch einfach krank. Und nicht nur ein bisschen krank. Sondern so richtig. Für mehrere Wochen, einschließlich Berufsverbot. Als Erzieherin hätte sie sonst möglicherweise ihre Kinder angesteckt. Die Folge war, dass ich mich sehr spontan mit Paula verabredete. Das Ganze ist inzwischen schon wieder rund vier Monate her.
Das Shooting mit Juli war nämlich ursprünglich für Mai angesetzt. Und wenn dann noch Beruf und damit verbunden auch Urlaub dazwischen funken, verschiebt sich so ein Termin schnell um Wochen oder eben sogar Monate. Doch Mitte/Ende August sollte es dann soweit sein. Gleiche Stelle, gleiche Welle wie schon im Mai ausgemacht.

Etwas untypisch für mich, fand ich mich überpünktlich in der Schlehenstraße in Gorbitz ein. Mir hatte es schon seit Längerem eine Unterführung der Coventrystraße angetan, die ich mir mal aus der Nähe ansehen und als Kulisse nutzen wollte.
Und so wartete ich auf Juli. Und wartete und wartete. Sie meldete sich nach einiger Zeit und meinte, sie schafft es nicht ganz pünktlich. Ich sah es ihr nach, schließlich bin ich dahingehend auch nicht gerade ein Waisenknabe.
Als sie dann aber selbst mit der angekündigten Bahn nicht eintraf, wurde es komisch. Bis mir auffiel, dass ich zwar in der Schlehenstraße war, aber nicht an der gleichnamigen Haltestelle. Stattdessen stand ich mir am Betriebsbahnhof Gorbitz die Beine in den Bauch.
Kurz abgesprochen, nahm Juli noch die eine Station und dann endlich konnten wir unsere Tour antreten.

Da sich die Haltestelle direkt an der erwähnten Unterführung befand, machte ich die Kamera recht bald betriebsbereit. Ein bisschen umgeschaut, fand ich schnell eine interessante Stelle, um mich mit Juli warm zu schießen.
Was außerdem auffiel, war die üppige Graffitikunst. Hier durften sich einige Leute mal so richtig austoben. Motto war offenbar Kinderserien bzw- Trickfilme. Nicht alle waren uns aus unserer eigenen Kindheit bekannt, aber einige.
In und an der Gorbitzer Unterführung hielten wir uns eine ganze Weile auf. Die Sonne stand am späten Nachmittag recht tief und warf dadurch mitunter richtig tolles Licht in den halb offenen Bau. Sowohl flächig, als auch punktuell oder indirekt. Der Spielraum war groß.

Irgendwann zogen wir dann aber doch ins Landesinnere. Einige Bereiche waren, entgegen den Erwartungen an ein Sozialviertel, richtig hübsch aufbereitet. Und da Gorbitz auf einer Anhöhe liegt, hat man von den oberen Geschossen zudem einen herrlichen Ausblick auf die Stadt. Neben den sehr moderaten Mietpreisen und der guten Verkehrsanbindung sind die alten DDR-Platten obendrein bekannt für eine sehr sinnvolle und pragmatische Raumaufteilung der einzelnen Wohneinheiten. Alles Punkte, die durchaus für Gorbitz sprechen.
Leider brauchten Juli und ich aber nur wenige Meter weiterlaufen, um das Klischee einer Sozialplatte erfüllt zu bekommen. Schön und hässlich liegen hier äußerst nah beieinander. Aber das war auch gewollt. Gorbitz wird als Fotokulisse anscheinend vollkommen unterschätzt. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass einer meiner Dresdner Kollegen (ich kenne mittlerweile einige) dort mal eine Tour gemacht hätte.

Ein einfacher Hauseingang jedenfalls erregte meine Aufmerksamkeit und ich wollte mal sehen, wie Juli sich da einfügte. Das Licht war nicht so berauschend, sodass ich mir einen anderen, geeigneteren suchte. Auf die Stufe gesetzt, probierten wir ein wenig aus. Und ich war überrascht, wie entspannt sie auf einmal war.
Zwischenzeitlich kam noch ein freundlicher Typ um die 40 raus, der irgendwie so überhaupt nicht hier reinpasste. Gute Klamotten, wertiges Auto. Vermutlich die Sorte, die lieber wenig Miete zahlt, sich aber dafür schick einrichtet. Er meinte jedenfalls, es sei doch viel zu hässlich dort, um eine hübsche junge Frau abzulichten. Ich entgegnete jedoch, dass sie gerade dadurch besonders wirken könne. Schmunzelnd gab er mir recht.

Wir zogen noch etwas weiter und merkten bald, dass in Gorbitz viele Menschen nicht viel haben, aber durchaus Zusammenhalt beweisen. Ein Kleinod der DDR? Möglicherweise.
Man kam schnell ins Gespräch. Mit Leuten, die auf dem Balkon saßen und ihr Abendessen in der Sonne genossen oder ihre Haustiere ausführten. Außerdem brachte es die Bauaufteilung mit sich, dass Kinder noch ausgelassen toben können, weil irgendein Erwachsener vom Balkon aus immer einen Blick darauf hat. Nicht nur auf die eigenen Rabauken.

Es dauerte dann nicht mehr sehr lang und die Sonne verkrümelte sich langsam hinter dem Horizont. Wir waren bereits auf dem Rückweg und erreichten dann auch wieder die Haltestelle. Dort einige letzte Bilder gemacht, setzte Juli sich in ihre Bahn und ich mich wenig später ins Auto.
Zuerst war ich mir ja nicht sicher, was mich mit Juli zu erwarten hatte, doch beim Sichten der Fotos zeigte sich schnell, dass sich diese Tour durch Gorbitz mehr als gelohnt hat. Ich wage zu behaupten, dass dieser Stadtteil ein Geheimtipp für meine Kollegen ist.

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